Wie Volkswagen Innovation in der Fahrzeugentwicklung beschleunigt
Werner Tietz, Leiter Konzern Forschung und Entwicklung Volkswagen Group im Interview über KI-gestützte Prozesse
Künstliche Intelligenz verändert die Fahrzeugentwicklung im Volkswagen Konzern. Werner Tietz, Leiter Konzern Forschung und Entwicklung, erläutert, wie KI-gestützte Prozesse Innovation beschleunigen und Entwicklungszeiten verkürzen.
Die Rolle von KI in der Entwicklung
Künstliche Intelligenz begegnet uns mittlerweile überall – auch in der Volkswagen Group. Was macht der Konzern konkret mit dieser neuen Technologie?
Gerade die Entwicklung ist komplex, vernetzt und von Effizienz getrieben – sie profitiert deshalb am stärksten von dieser Technologie. Wir wollen KI in der Produktentwicklung also dort einsetzen, wo sie uns heute schneller und besser macht. Allein 2025 haben wir in der Technischen Entwicklung über 100 KI‑basierte Prozesse produktiv eingeführt. Konzernweit sind es mehr als 1.400 Anwendungen. KI unterstützt uns beim Entwickeln, Testen, Simulieren und Absichern – also genau dort, wo bislang viel Zeit und Manpower gebunden waren.
Machen das nicht andere Unternehmen ebenso?
Klar, fast alle Unternehmen beschäftigen sich heute mit KI – der Unterschied liegt darin, wie konsequent sie eingesetzt wird. Bei uns ist KI kein Zusatz und kein Einzelprojekt, sondern fester Bestandteil unserer Arbeit. Unsere Erfahrung, unsere Ingenieurskunst und unser Ideenreichtum bilden dabei weiterhin das Fundament. Darauf aufbauend haben wir Prozesse so gestaltet, dass KI aktiv mitarbeitet – vom frühen Design über Simulation bis zum Software‑Test. Das beschleunigt Entscheidungen, reduziert Reibungspunkte und bringt uns messbar näher an die Serie.
Wo spüren die Teams den Nutzen ganz konkret?
Vor allem bei Zeit, Qualität und Fokus. KI übernimmt wiederkehrende Aufgaben wie Tests, Analysen oder Dokumentation. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Unsere Eigenentwicklung GHOST testet Softwarefunktionen im Infotainment vollautomatisch – inklusive Touch‑Interaktionen, also Knöpfe drücken, „wie ein Mensch“. Das Ergebnis: keine Dokumentationsfehler, reproduzierbare Tests, schnellere Releases. Und unsere Entwicklerinnen und Entwickler können sich auf das konzentrieren, was wirklich den Unterschied macht: innovative und nützliche Funktionen für unsere Kunden.
Verändert das den Job von Ingenieurinnen und Ingenieuren grundsätzlich?
Ja – aber nicht im Sinne von Ersatz, sondern von Stärkung. KI kann uns zeitintensive, repetitive Tätigkeiten abnehmen und verschiebt den Schwerpunkt unserer Arbeit. Ingenieurinnen und Ingenieure geben weiterhin Ideen und sind verantwortlich für Systeme, bekommen aber deutlich leistungsfähigere Werkzeuge an die Hand. Ich sprechen gerne von AI Accelerated Engineers – also KI‑unterstützten Ingenieurinnen und Ingenieuren, die KI nicht als Ersatz, sondern als Verstärker ihrer Arbeit begreifen und nutzen. Das verlangt von uns Offenheit für neue Technologien, kontinuierliche Weiterbildung und die Bereitschaft, Arbeitsweisen neu zu denken – gibt den Teams aber genau die Freiräume, um sich auf echte Innovationen zu konzentrieren. Genau diese neue Arbeitsweise erlaubt es uns, Entwicklung nicht mehr zentral und langsam zu organisieren, sondern regional schnell und marktwirksam.
Spiegelt sich das auch im akademischen Bereich? Volkswagen hat erst kürzlich eine neue KI-Professur mit der TU Braunschweig eingerichtet.
Richtig. Die Arbeit mit KI-basierten Entwicklungswerkzeugen und Verständnis für das Potenzial dahinter darf keine Frage sein, mit wir uns erst im Unternehmen selbst beschäftigen. Wir werben deshalb dafür, dass junge Menschen im Ingenieursstudium deutlich intensiver an KI herangeführt werden. Unsere Hochschulkooperationen – zum Beispiel die enge Zusammenarbeit mit der TU Braunschweig – sollen dazu einen Beitrag leisten.
Wie hilft dem Volkswagen Konzern diese neue – von KI-unterstützte - Arbeitsweise im wichtigen Markt China?
Wir schauen genau hin – aber wir laufen niemandem blind hinterher. In China entwickeln wir lokal und eigenständig mit unserem Partner XPENG die China Electronic Architecture, die bereits in Serie ist. Gleichzeitig treiben wir im gemeinsamen Joint Venture RV Tech mit Rivian die Architektur für das Software-Defined Vehicle (SDV) in der westliche Welt voran. Das heißt: Wir sind schnell, aber kontrolliert. Und wir nutzen Partnerschaften gezielt und sorgen damit für Geschwindigkeit.
Was ändert sich durch dieses neue Selbstverständnis in der Entwicklung?
Wir werden immer offener, integrierter und frühzeitiger zusammenarbeiten – über Fachdisziplinen und Regionen hinweg. Software, Elektronik, Fahrzeug, IT: Die Zukunft wird nicht mehr nacheinander entwickelt, sondern gemeinsam gedacht. Es geht um die vollständige Integration von Prozessen, end-to-end. Genau wird uns erlauben, Innovation früher abzusichern und schneller in die Serie zu bringen. KI macht unsere Entwicklungsarbeit effizienter – und damit wettbewerbsfähiger. Unser Anspruch ist klar: unter 36 Monate Entwicklungszeit. Das ist rund 25 Prozent schneller als heute.
Woran erkennt man künftig, dass Volkswagen technologisch nicht hinterherfährt, sondern vorne mitspielt?
Nicht an Einzelankündigungen, sondern an der Schlagzahl. Wenn neue Funktionen zügiger kommen, Updates stabil laufen und wir Produkte konsequent aus einer modernen Architektur heraus entwickeln. So setzen wir unseren Anspruch um, Global Automotive Tech Driver zu sein. Und genau daran wird man uns messen.
Datum des Interviews: Juni 2026
Mehr zum Thema
Neue Professur: Volkswagen Group und Technische Universität Braunschweig stärken Forschung zu KI und Mobilität
Die Volkswagen Group und die Technische Universität (TU) Braunschweig richten eine neue Professur für „KI-Methoden in der Produktentwicklung“ ein. Ziel der Partnerschaft ist es, die Spitzenforschung im Mobilitätssektor weiter auszubauen und den Transfer aus der Wissenschaft in die industrielle Praxis zu beschleunigen.
Die angegebenen Verbrauchs- und Emissionswerte beziehen sich nicht auf ein einzelnes Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebots, sondern dienen allein Vergleichszwecken zwischen den verschiedenen Fahrzeugtypen. Zusatzausstattungen und Zubehör (Anbauteile, Reifenformat usw.) können relevante Fahrzeugparameter, wie z. B. Gewicht, Rollwiderstand und Aerodynamik verändern und neben Witterungs- und Verkehrsbedingungen sowie dem individuellen Fahrverhalten den Kraftstoffverbrauch, den Stromverbrauch, die CO₂-Emissionen und die Fahrleistungswerte eines Fahrzeugs beeinflussen.
Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO₂-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem „Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO₂-Emissionen und den Stromverbrauch neuer Personenkraftwagen“ entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der DAT Deutsche Automobil Treuhand GmbH, Hellmuth-Hirth-Str. 1, D-73760 Ostfildern oder unter www.dat.de/co2 erhältlich ist.